Biosnack mit minimaler Logistik
Eine junge Zürcher Firma beglückt das Bürovolk mit frischem Bioobst
und -gemüse. Bescheidenste Verpackung und emissionsfreier Transport sind das Motto: Die Vitamine reisen per Velo und im Mehrwegkorb.
Etikette genügt
500 Körbe pro Woche liefert der Öpfelchasper derzeit aus. In den ersten zwei Jahren betrug das Wachstum je 80 Prozent, jetzt liegt es bei 20 Prozent – wobei die neuen Städte Zug und bald St.Gallen noch nicht in die Statistik eingerechnet sind. Ein Grosskunde allein hat 60 Körbe für 27 Standorte im Abo. Um möglichst frische Ware liefern zu können und keinen Überschuss an Lager nehmen zu müssen, wird jede Bestellung direkt in ein Programm eingespeist, das ein Kollege von Dominik Hungerbühler eigens entwickelte. Es berechnet die Menge jeder Frucht- und Gemüsesorte pro Stadt und stellt die entsprechende Tagesration zusammen. Auf den Etiketten, die am Schluss auf dem verpackten Korb kleben, ist neben der Adresse vermerkt, wenn ein Früchtekorb beim Nachbar abgegeben werden kann oder man ihn im Garten deponieren soll. Dank dem einfachen und eindeutigen System ist es für die häufig wechselnden Velokuriere möglich, der Kundschaft den Service zu bieten, den sie erwartet. pld
«Potz Holzöpfel und Zipfelmütze!» So frisch-frech tönt die Begrüssung, wenn man auf der Combox der Zürcher GmbH landet. Die Anlehnung an die Kasperlikassetten, mit denen Generationen von Schweizerinnen und Schweizern aufgewachsen sind, hat ihren guten Grund: Öpfelchasper heisst das Unternehmen, das der 30-jährige Erwachsenenbildner Armin Heyer 2007 mit seinem gleichaltrigen Kollegen Dominik Hungerbühler gründete. Statt mit fettigen Gipfeli und Automatenkaffee sollen Büromenschen dank frischem Obst auf Touren kommen. «Und wenn schon Früchte, dann bio und saisonal», erzählt Dominik Hungerbühler von der damaligen Diskussion ums Geschäftsmodell. Zudem erinnerte er sich an seinen Studienaufenthalt in Amsterdam und damit an die eindrücklichen schwarzen Lastenvelos, die Backfietsen.
Auch Private abonnieren
Hungerbühler tanzt auf vielen Hochzeiten: Inzwischen Geschäftsführer von L’Ultimo Bacio in Zürich-Wipkingen und Zug, übernahm er vor Kurzem auch den Bioladen Rägeboge in Winterthur. Für sein Öpfelchasper-Projekt kombinierte er die Lust am biologischen Essen mit dem Zweiraderlebnis in den Niederlanden. Seit 2008 bringt eine eigene Flotte von Velokurieren die Früchte im Wochenabo zu Firmen und Privathaushalten. Der Öpfelchasper liefert wöchentlich am Montag, auf Wunsch zusätzlich am Mittwoch einen Korb voller Äpfel, Birnen, Mandarinen, Bananen, Trauben und Rüebli in den Pausenraum – drei Kilogramm zu 29, sechs Kilo zu 47 Franken. In Zürich kann der Früchtekorb mit Vollkornbrötli aus dem Steinofen ergänzt werden. Wer auf Rohkost steht, wählt den Gemüsekorb, der zu zwei Dritteln aus Lauch, Broccoli, Rüebli oder Kohl und zu einem Drittel aus Früchten besteht. Während in Zürich, Luzern und Bern der Früchtekorb dominiert, ist in Basel und Zug der Gemüsekorb Favorit. «In diesen Gemüse-affinen Städten beliefern wir nicht nur Büros, sondern auch viele Privathaushalte», erklärt Dominik Hungerbühler.
Nachdem Anfang November der Einstieg in Zug gelang, wirbt Öpfelchasper bereits Fahrer für St.Gallen an. Doch wer glaubt, der Kurier versorge die ganze Schweiz zentral von Zürich, irrt: Einmal pro Woche transportiert der Grosshändler die Basisfrüchte ins Lager der jeweiligen Stadt, dazu kommen regionale Produzenten, die ihre Birnen, Äpfel und Zwetschgen aufs Kilo genau anliefern. Möglich macht dies ein selbst entwickeltes Computerprogramm (vgl. Kasten).
Bei Schnee und Regen
Um 5 Uhr früh fahren Händler und Produzenten vor, um 6 Uhr laufen die Studenten ein, um die Körbe zusammenzustellen. Aufs Waschen der Äpfel und Rüebli verzichtet der Öpfelchasper, denn das würde die Reifung beschleunigen. Der Korb wird gegen saftende Früchte mit Puffplastik und Seidenpapier ausgelegt, dann wird die Vitaminbombe attraktiv arrangiert. Nachdem der frech-selbstironische Werbezettel des Kuriers beigelegt ist, wird eine Schrumpffolie gegen Wind und Wetter um den Korb gewickelt. Schliesslich kommt eine Etikette mit den Koordinaten des Empfängers aufs Obstpaket. Die Kuriere fahren mit dem eigenen Velo, erhalten aber je nach Jahreszeit ein T-Shirt oder eine Jacke mit dem Firmensymbol der gelben Zipfelmütze. An ihr Fahrrad kuppeln sie einen Anhänger an, auf dem maximal 18 Körbe Platz haben. In Zürich und Basel steht ausserdem ein Backfiets zur Verfügung, das bis zu 40 Körbe bewältigen kann. «Gehts bergauf und liegt Schnee auf den Strassen, wird geschoben – dann wagen sich vor allem unsere Jungs auf die Tour, während die Mädels schon einmal passen», sagt Dominik Hungerbühler.
Schlankes Geschäftsmodell
Die Kuriere liefern Ware vom Grosshändler Biopartner Schweiz AG aus, dazu kommen regionale Erzeuger von Tafelobst. Das Besondere am Angebot: Sämtliche Früchte stammen aus kontrolliertem Bioanbau, alle CO2-Emissionen aus den wenigen Transporten werden via Myclimate kompensiert. In der Klimabilanz ist der Schiffstransport der Bananen auszugleichen. Dazu kommen die Lastwagenfahrten zu den Räumlichkeiten, wo in jeder Stadt die Körbe zusammengestellt werden.
Die Hälfte der Öpfelchasper-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter sind schon seit drei Jahren dabei, die andere Hälfte fluktuiert. Denn sobald jemand die Uni wechselt oder die Vorlesungen ändert, ist das Studium nicht mehr mit der sportlichen Frühschicht kompatibel. Geht das sympathische Konzept auch finanziell auf? Reich wird das Vitaminduo mit dem Apfel auf zwei Rädern nicht. Doch gleichzeitig sind auch die Investitionen tief. Und weil das heikle Gut per Velo statt mit dem Auto oder per Post geliefert wird, kann günstig ausgefahren werden, rechnet Dominik Hungerbühler vor: «Im Vergleich zur Konkurrenz liefern wir 30 Prozent günstiger, weil bei uns die Lieferkosten inklusive sind.» Eine Ausnahme ist die Agglomeration der bedienten Städte, hier fällt ein Wegzuschlag von fünf Franken an. Die Kuriere sind übrigens auch der wichtigste Teil der Apfellogistik: «Sie bringen den Korb ins Büro oder an die Haustüre. Damit sind sie das Aushängeschild unserer Firma.» Entsprechend wichtig ist für Dominik Hungerbühler, dass die Vitaminausfahrer nicht nur Durchhaltevermögen auf Bergstrecken haben, sondern sich auch für die gesunde Biosache begeistern. www.oepfelchasper.ch
redaktion@alimentaonline.ch
Pieter Poldervaart
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