01.05.2012 | Kolumne

Unseliger Bärlauch-Hype

David Eppenberger sieht im Frühling überall Bärlauch. Gäbe es Alternativen? Etwa Schachtelhalm-Likör!


Bärlauch-Pesto, Bärlauch-Ravioli, Bärlauch-Brot, Bärlauch-Risotto, Bärlauch-Bergkäse,
Bärlauch-Mutschli, Bärlauch-Bratwurst. Die ­Liste liesse sich beliebig erweitern. Es scheint nichts zu geben, was vor dem Hype um den ­stinkenden Wildlauch aus dem Wald sicher ist. Nicht einmal Schokolade oder Likör – für mich ist beides eigentlich unmöglich. Aber ja, wir ­leben in einer Welt, in der alle kreativ sein ­wollen, inklusive Lebensmittelhersteller. Bereits habe ich die ersten Spaghetti an einem «haus­ge­mach­ten» Bärlauch-Pesto hinter mir: ­Stundenlang ­lagen sie mir auf und blähten ­meinen Magen nach ­Belieben. Und das soll cool sein?

Richtig: Ich habe ein gestörtes Verhältnis zu Bärlauch. Dabei hat es eigentlich gut angefangen mit uns. Als Heilmittel half er mir vor einigen Jahren nach der Entfernung meiner Amalgam-Füllungen bei der Entgiftung. Und das hat wirklich funktioniert. Doch das Problem liegt nun in unserem Garten: Dort stinkt es jetzt bereits seit Wochen wieder ganz kräftig. «Oh, wie toll!», ist die übliche Reaktion der städtischen Besucher, wenn sie unsere ungewollte Bärlauch-Plantage sehen. Seit Jahren versuche ich, die übel­riechen­de Invasion aufzuhalten: Auf Knien reisse ich Pflanzen samt Zwiebeln aus. Nach jahre­langem Kampf habe ich den Bestand so einigermassen im Griff. Aber wehe, wenn ich einmal ein Jahr nichts mache.

Als mir ein Gemüseproduzent kürzlich sagte, er habe zwischen seinen Rhabarbern Bärlauch gepflanzt, fiel mir deshalb fast das Herz in die Hose. «Um Himmel Gottes Willen!», war meine spontane Reaktion. Die Nachfrage sei gut, meinte er. Metzger, Bäcker, Käser, Marktfahrer oder ­Chocolatier: Alle wollen ihn haben. Da wird aus einem Unkraut eben plötzlich eine einträgliche Hauptkultur. Meine persönliche Hoffnung ist die, dass die Bärlauch-Euphorie bald verebbt und er wieder dorthin verschwindet, wo er herkommt: tief in den Wald. Sicher wird es einen «originel­len» Nachfolger geben: Wie wäre es mit Löwen­zahn-Schokolade oder Schachtelhalm-Likör?
David Eppenberger
 


David Eppenberger

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