Unseliger Bärlauch-Hype
David Eppenberger sieht im Frühling überall Bärlauch. Gäbe es Alternativen? Etwa Schachtelhalm-Likör!
Bärlauch-Pesto, Bärlauch-Ravioli, Bärlauch-Brot, Bärlauch-Risotto, Bärlauch-Bergkäse,
Bärlauch-Mutschli, Bärlauch-Bratwurst. Die Liste liesse sich beliebig erweitern. Es scheint nichts zu geben, was vor dem Hype um den stinkenden Wildlauch aus dem Wald sicher ist. Nicht einmal Schokolade oder Likör – für mich ist beides eigentlich unmöglich. Aber ja, wir leben in einer Welt, in der alle kreativ sein wollen, inklusive Lebensmittelhersteller. Bereits habe ich die ersten Spaghetti an einem «hausgemachten» Bärlauch-Pesto hinter mir: Stundenlang lagen sie mir auf und blähten meinen Magen nach Belieben. Und das soll cool sein?
Richtig: Ich habe ein gestörtes Verhältnis zu Bärlauch. Dabei hat es eigentlich gut angefangen mit uns. Als Heilmittel half er mir vor einigen Jahren nach der Entfernung meiner Amalgam-Füllungen bei der Entgiftung. Und das hat wirklich funktioniert. Doch das Problem liegt nun in unserem Garten: Dort stinkt es jetzt bereits seit Wochen wieder ganz kräftig. «Oh, wie toll!», ist die übliche Reaktion der städtischen Besucher, wenn sie unsere ungewollte Bärlauch-Plantage sehen. Seit Jahren versuche ich, die übelriechende Invasion aufzuhalten: Auf Knien reisse ich Pflanzen samt Zwiebeln aus. Nach jahrelangem Kampf habe ich den Bestand so einigermassen im Griff. Aber wehe, wenn ich einmal ein Jahr nichts mache.
Als mir ein Gemüseproduzent kürzlich sagte, er habe zwischen seinen Rhabarbern Bärlauch gepflanzt, fiel mir deshalb fast das Herz in die Hose. «Um Himmel Gottes Willen!», war meine spontane Reaktion. Die Nachfrage sei gut, meinte er. Metzger, Bäcker, Käser, Marktfahrer oder Chocolatier: Alle wollen ihn haben. Da wird aus einem Unkraut eben plötzlich eine einträgliche Hauptkultur. Meine persönliche Hoffnung ist die, dass die Bärlauch-Euphorie bald verebbt und er wieder dorthin verschwindet, wo er herkommt: tief in den Wald. Sicher wird es einen «originellen» Nachfolger geben: Wie wäre es mit Löwenzahn-Schokolade oder Schachtelhalm-Likör?
David Eppenberger
David Eppenberger
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