30.05.2012 | Qualitäts-Charta

Die Qualitäts-Charta scheidet die Geister

Mit einem Festakt wird Mitte Juni die Qualitäts-Charta der Schweizer Land- und Ernährungswirtschaft unterzeichnet. Doch viele Firmen haben Mühe mit der Charta – oder mit dem Tamtam, das der Bund darum macht.

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Preiskonkurrenz ausbremsen
Die Grundidee der Qualitätsstrategie: Schwei­zer Produkte sollen möglichst nicht über den Preis verkauft werden, weil sie per se in der Herstellung relativ teuer sind. Stattdessen sollen Schweizer Lebensmittel konsequent als hochqualitativ vermarktet werden. Daran sind am meisten diejenigen interessiert, die leicht austauschbare Güter produzieren, also die Bauern und die erste Verarbeitungsstufe (Mühlen, Schlachtbetriebe, Molkereien). Die Qualitätsstrategie wurde während zweier Jahre unter der ­Moderation des Bundesamtes für Landwirtschaft (BLW) erarbeitet. Die wichtigsten Punkte sind als «gemeinsame Werte- und Handelsbasis» in der Qualitäts-Charta festgehalten. wy

Charta-Feier in Bern
Mit einem Event im Berner Stade de Suisse wird am 18. Juni die Unterzeichnung der Charta zur Qualitätsstrategie gefeiert. Neben dem Volkswirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann werden Paola Ghillani, Ex-Chefin von Max Havelaar und Beraterin für nachhaltige Firmenentwicklung, sowie diverse Akteure, die am Prozess mitgewirkt haben, referieren.
Zudem wird ein Interview mit Gabriele ­Manser, Chefin der Appenzeller Mineral­quelle Gontenbad, geführt. Am Event werden ausserdem die weiteren Schritte zur Vertiefung der Qualitätsstrategie thematisiert. Die unter­zeichnenden Firmen und ­Organisa­tio­nen werden eine Urkunde erhalten. wy

Sämtliche landwirtschaftliche Verbände und auch ein paar ­wenige Unternehmen werden am 18. Juni 2012 im Beisein von Volkswirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann in Bern an einem festlichen Akt die «Charta zur Qualitätsstrategie der Schweizerischen Land- und Ernährungswirtschaft» unterzeichnen. Gut, vielleicht sind es auch noch ein paar Unternehmen mehr, aber der Verdacht bleibt: Die Qualitätsstrategie ist vor allem eine der Bauern und ihrer Verbände. Viele bekannte Markenartikelhersteller werden nicht unterschreiben, auch der Lebensmittelindustrie-Verband Fial bleibt dem Anlass fern, er überlässt den Entscheid seinen Mitgliedfirmen. Ebenso der Schweizerische Gewerbeverband.
Das hat vor allem zwei Gründe: Erstens fühlen sich die Firmen vom Bund bevor­mun­det. Exemplarisch für viele andere sagt es ­Miriam Blocher, die Chefin des Basler ­Läckerli Huus: «Wir erachten es explizit keinesfalls als Aufgabe des Staates, die Qualität von Lebensmittelbetrieben zu regeln und zu vermarkten.» Der Qualitätsanspruch entstehe aus dem Markt, hier sei man als Firma näher an den Bedürfnissen der Kunden als der Bund. Beim Ovomaltine-Hersteller Wander heisst es: «Die Charta nimmt uns die Flexibilität, auf die wir angewiesen sind, um im internationalen Wettbewerb mitzuspielen.»
Zweitens fühlen sich viele verschaukelt. Denn die Qualitätsstrategie war von der frühe­r­en Volkswirtschaftsministerin Doris Leuthard als Begleitmassnahme zum Agrarfreihandel mit der EU angepriesen worden. Inzwischen sind die ­Verhandlungen mit der EU auf Eis gelegt, das Parlament steht auf der Bremse, und von dem Paket ist nur die Qualitätsstrategie geblieben.

Vorhandene Qualität sichtbar machen
Die Charta-Unterzeichnung sei «nicht der Abschluss eines Vorhabens, vielmehr ist es ein Meilenstein eines Prozesses, der weitergeht», sagt Patrik Aebi, Leiter Fachbereich Qualitäts- und Absatzförderung beim Bundesamt für Landwirtschaft (BLW). Nicht zuletzt wolle man den Akteuren Gelegenheit geben, ihr ­Engagement sichtbar zu machen und aufzuzeigen, welche Projekte bereits heute realisiert seien, etwa die Kooperation von Coop mit Pro Specie Rara oder mit Slow Food, die Verwendung von Schweizer Rohstoffen bei Chocolat Villars oder von Schweizer Hochstammobst bei der Spezialitätenbrennerei Humbel oder auch das Engagement von ­Migros bei TerraSuisse. Das Fernziel sei, dass Schweizer Qualität mit einer gemeinsamen Dachmarke sichtbar gemacht werde. Dafür gebe es verschiedene Optionen, die von der Strategiegruppe noch vertieft analysiert werden müssten. Als erfolgreiches Vorbild und möglicher, aber auch umstrittener Anknüpfungspunkt ist das bekannte goldene Edelweiss von Schweiz Tourismus im Gespräch.

Die Agrarallianz, ein Verbund aus Konsumenten-, Umwelt-, Tierschutz- und Bauernverbänden, brachte die Idee einer Qualitätsstrategie aufs Tapet. In der Bundesverwaltung griff man dies auf, und so engagierte sich das Bundesamt für Landwirtschaft in einem zweijährigen Diskussionsprozess, in dem als regelmässige Teilnehmer der Bauernverband, Bio Suisse, Agro-Marketing Suisse, die Stiftung für Konsumentenschutz, From­arte sowie Coop und Migros dabei waren.
«Wettbewerbsrechtliche Abgründe»
Franz U. Schmid, Direktor der Verbände Chocosuisse und Biscosuisse, hat den Mitgliedfirmen von der Unterzeichnung der Charta abgeraten: «Qualität ist ein wichtiges Element des Wettbewerbes», sagt er. Eine gemeinsame Definition von Qualität und ein staatlich ­orchestriertes Marketing lägen nicht im Interesse der eigenverantwortlich wirtschaftenden Industrie.
Die geplante, gemeinsame Marktbearbeitung führe für die Firmen der zweiten Verarbeitungsstufe an «wettbewerbsrechtliche Abgründe». Der Kampf um Marktanteile für Schweizer Rohstoffe sei nicht von der Industrie zu führen. Entscheidend seien wettbewerbsfähige Konditionen und – wenn dies nicht möglich sei – die für das Exportgeschäft greifenden Behelfe des Staates wie genügend Mittel für Ausfuhrbeiträge nach «Schoggi-­Gesetz». Die Nahrungsmittelindustrie könne zudem trotz dem in Wertschöpfungsketten gebotenen Denken nicht in den Landwirtschaftsartikel der Bundesverfassung hinein­interpretiert werden.

Mühe mit dem Pomp
Migros tat und tut sich schwer mit der Qualitäts-Charta. So wurde kurz vor der Schluss­redaktion des Charta-Textes auf Drängen von Migros noch ein Satz eingefügt, dass «einzelne Akteure des Er­nährungssektors die Konkre­tisierung der Elemente der Marktoffensive in Abhängigkeit von künftigen Marktöffnungsschritten» abhängig machen können. Das ­heisst im Klartext: Migros behält sich vor, bei der Qualitätsstrategie erst dann richtig mitzumachen, wenn die Grenzen zum Ausland ge­lockert oder geöffnet werden. Und übt der Migros-Genossenschafts-Bund weiter Kritik. Die Direktion Wirtschaftspolitik des MGB – die noch zu Zeiten Doris Leuthards einen exzellenten Draht ins EVD hatte und sich heute schon mal darüber beklagt, dass ihr Nachfolger zu viel Angst vor den Bauern habe – monierte kürzlich in einer Mail an verschiedene Entscheidungsträger in der Lebensmittelwirtschaft, es fehle das «wesentliche ­Element für die Unterzeichnung der Qualitäts-Charta», nämlich das Bestreben, mit der EU ein Agrarfreihandeslabkommen abzuschliessen.

Ist also Migros am Ende gar nicht dabei? Doch, bekräftigt Migros-Sprecherin Monika Weibel gegenüber alimenta das Engagement: «Migros sagt Ja zur Qualitätsstrategie, obwohl die umfassende Marktöffnung im Agrar- und Lebensmittelbereich immer noch in weiter Ferne ist.» Die PR-Aktion, mit der die Unterzeichnung inszeniert werde, sei aber nicht ­angebracht: «Protektionistische Kräfte ver­suchen mit allen Mitteln, das Rad zurück­zudrehen. Gleichzeitig werden sie dazu einge­laden, mit viel Brimborium eine Qualitäts-Charta zu unterzeichnen, die ursprünglich als Begleitmassnahme für die Marktöffnung gedacht war. Damit haben wir Mühe.» Es wird allgemein erwartet, dass auch Coop unterzeichnet. Die Geschäftsleitung werde aber noch entscheiden, sagt Sprecherin Denise Stadler. Auch Fenaco ist mit ihren Tochter­firmen bei der Qualitäts-Charta dabei. Und auch bei der Fenaco hört man, das PR-Spek­takel des Bundes sei nun doch etwas über­trieben.

Keine Wettbewerbsverzerrungen
Von den grossen Milchverarbeitern ist Cremo dabei, Hochdorf nicht, Emmi hat sich noch nicht entschieden. Man stehe der Charta grundsätzlich positiv gegenüber, sagt Emmi-Sprecherin Sibylle Umiker. Diese sei aber noch in der internen Prüfung: «Inbesondere dürfen durch eine gemeinsame Qualitätsstrategie nicht Wettbewerbsverzerrungen entstehen.» Und die Frage des Timings sieht man bei Emmi anders als bei der Migros: «Dass eine Qualitätsstrategie zeitlich vor einer Markt­öffnung umgesetzt werden muss, ist für uns klar.» Auch Michel Pellaux, Generalsekretär von Cremo, sagt, mit der Marktöffnung habe man zwar jetzt Verspätung, das sei aber kein Grund, nicht zur Qualitäts-Charta zu stehen und der Landwirtschaft das Zeichen für die Unterstützung zu senden.
Der Text der Qualitäts-Charta findet sich auf www.qualitaetsstrategie.ch
roland.wyss@alimentaonline.ch


Roland Wyss-Aerni

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