Swissness für Verpackungen gefordert
Schweizer Detailhändler fordern vom Konsumenten Loyalität. Sie selber kaufen aber gerne und günstig im Ausland ein – zum Nachteil von einigen Schweizer
Lieferanten. Die Schweizer Verpackungsindustrie kritisiert die Händler.

Einige Schweizer Detailhändler trinken Wein und predigen Wasser. Sie fordern die Konsumenten auf, im Inland zu kaufen, vermarkten ihre Produkte jedoch in ausländischen Verpackungen. So beschreibt ein Kenner der Verpackungsbranche die Situation. Der Branchenexperte bringt ein treffendes Beispiel, wie ein Schweizer Detailhändler mit dem Einkaufstourismus umgegangen ist: Der Detailhändler wollte die Zollfreigrenze für Einkäufe im Ausland von 300 auf 100 Franken senken, um den Einkaufstourismus zu bremsen und die eigenen Verkaufsgeschäfte zu sichern. Zeitgleich holte er jedoch eine Offerte bei sechs ausländischen Verpackungsunternehmen ein. «Es scheinen nicht für alle die gleichen Regeln zu gelten», sagt der Branchenkenner.
Doppelt benachteiligt
Die einheimische Verpackungsindustrie leidet unter dem teuren Franken in doppelter Hinsicht. Einerseits im Export in den EU-Raum und andererseits durch die Konkurrenz aus dem Ausland.
So fordert der Branchenverband Schweizerische Verpackungsindustrie (SVI) auch bei der Verpackung Swissness. An der Medienkonferenz des SVI (siehe unten) sagte der SVI-Präsident Philippe Dubois, die Detailhändler würden die Verpackungsbranche mit der Ausschreibung von Aufträgen im internationalen Raum immer mehr unter Druck setzen. Und wenn die Händler noch dazu aufrufen würden, Waren im Inland zu kaufen, sehe er ein Problem.
Günstige Konsumentenpreise über alles
Dazu lässt Coop ausrichten, dass jeder sein Scherflein im hart umkämpften Markt beitragen müsse. Es gehe nicht darum, höhere Erträge zu generieren, sondern günstigere Konsumentenpreise zu schaffen. «Coop hat in den letzten sieben Jahren über 1,4 Mrd. Franken investiert. Wie hoch der Anteil Verpackungsmaterial ist, der aus dem Ausland stammt, und wie die Entwicklung dazu ist, kann nicht gesagt werden», sagt Urs Meier, Mediensprecher von Coop.
Migros bleibt bei 80 Prozent
Bei Migros heisst es, 80 Prozent des Materials stamme aus der Schweiz. Ausserdem werde ausländisches Verpackungsmaterial grenznah eingekauft. Migros weist aber gerne darauf hin, dass die Migros-Industrie eng mit Schweizer Lieferanten verflochten und beispielsweise der grösste Partner der Schweizer Landwirtschaft sei. Um die Wettbewerbsfähigkeit zu sichern, sei der Grossverteiler jedoch international auf konkurrenzfähige Lieferanten angewiesen.
Benchmark ist Ex-DDR & Co.
«Die Preisvergleiche werden mit Verpackungsherstellern aus Ländern wie dem ehemaligen Ostdeutschland gemacht, in denen die Fabriken mit EU-Fördergeldern gebaut worden sind und die Monatslöhne für Fachkräfte um 50 Prozent oder mehr unter dem Schweizer Lohnniveau liegen», sagt der Branchenkenner aus der Verpackung. Es gehe ihm um einen fairen Wettbewerb und auch darum, dass die Grossverteiler nicht Wasser predigen (die Konsumenten sollen in der Schweiz einkaufen) und selbst Wein trinken, wenn sie Billigimporte aus dem Ausland tätigen würden. Selbstverständlich ist er nicht grundsätzlich gegen Importe, auch die Schweizer Verpackungsindustrie sei umgekehrt auf den Export angewiesen.
Strategie: Einkauf im Ausland
Viele Firmen haben den Einkauf im Ausland schon zur Strategie erhoben, wie auch die Handelszeitung schrieb. Sogar Volkwirtschaftsminister, Johann Schneider-Ammann, hatte öffentlich zum Einkaufen im Ausland aufgerufen. Ohne Rücksicht darauf, dass dadurch in der Schweiz Arbeitsplätze verloren gehen,
das allgemeine Lohnniveau unter Druck gerät und langfristig
der Sozialstaat Schweiz gefährdet ist, wenn die Einnahmen aus
der Mehrwertsteuer und der Einkommenssteuer zurückgehen werden, findet der Branchenkenner.
Ethische Frage
Nicht alle Branchen sind in Nischen oder Luxusbereichen tätig wie die Pharma- oder Uhrenindustrie. Die Verpackungsindustrie beispielsweise ist im «Commodity-Markt» tätig und somit austauschbar. Bezüglich Verpackungshersteller stellt sich für die Detailhändler die ethische Frage, ob wirklich «Geiz geil ist» oder ob nicht auch dem einheimischen Schaffen die Chance geboten werden soll, unter Berücksichtigung aller Kosten zu wettbewerbsfähigen Preisen Partner der Detailhändler zu bleiben oder zu werden – der «Swissness» zuliebe.
Hoffnung kann Coop-Sprecher Meier den Schweizer Verpackungsherstellern dennoch machen, denn wenn die inländische Offerte gleich oder auch minimal teurer sei, greife der Händler auf einheimisches Schaffen zurück.
hanspeter.schneider@alimentaonline.ch
Hans Peter Schneider
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