«Das Wochenende gehört den Kindern»

Als Mutter zweier Kinder muss die Milchtechnologin Gérine Oeschger ihren Alltag sehr gut planen und organisieren, damit neben Arbeit und Berufsmatur II die Familie nicht zu kurz kommt.

Um sechs Uhr beginnt meine Arbeit in der Emmentaler Schaukäserei in Affoltern. Heute habe ich bei der Milchannahme begonnen, wo auch der Kontakt zu den Bauern gepflegt wird. Milchtechnologin ist nicht mein erstgelernter Beruf. In Madagaskar haben mein Mann und ich ein Reisebüro geführt. Da unsere Wohnung und das Büro im selben Gebäude lagen, war es kein Problem, zu arbeiten und gleichzeitig zu meinem damals dreijährigen Sohn zu schauen. Nach den grossen Unruhen im Land sind wir im Jahr 2002 in die Schweiz gekommen. Die Matura, die ich in Madagaskar abgeschlossen habe, ist in der Schweiz nicht anerkannt worden; ich habe wieder bei Null begonnen. Ich wollte unbedingt mit Lebensmitteln arbeiten. Die Berufsberatung ermöglichte mir, in verschiedenen Betrieben zu schnuppern. Beim Milchtechnologen hat einfach alles gestimmt; deshalb entschied ich mich für diese Lehre.

Da Deutsch nicht meine Muttersprache ist, hatte ich mehr Aufwand als andere Lernende. Auch war ich fast zehn Jahre älter als die meisten. Aber schliesslich hat alles geklappt, und ich habe mit einer 5,7 als Schlussnote die beste Prüfung abgelegt. Darauf bin ich sehr stolz, trotz meines Altersvorteils. Seit einem Jahr arbeite ich nun in der Schaukäserei, die auch mein Lehrbetrieb war. Das Team funktioniert sehr gut, und ich mag die Arbeit hier. In der Produktion sind wir zwei Frauen, neben sechs Männern. Die Akzeptanz im Team ist sehr gut. Nur die körperlich schwere Arbeit im Keller machen die Männer alleine. Dafür darf ich die filigranen Arbeiten bei der Butter- und Glaceproduktion erledigen; darüber bin ich eigentlich ganz froh.

Mein Ziel ist, Lebensmittelingenieurin zu werden. Daher habe ich nach Abschluss der Lehre vor einem Jahr mit der Berufsmatur in Zollikofen begonnen. In der Käserei ar-beite ich von Montag bis Mittwoch, was einer 70-Prozent-Stelle entspricht. Am Donnerstag und Freitag besuche ich die BMS. Das Wochenende aber, das gehört ganz meinen beiden Kindern. Also versuche ich alle Arbeit im Haushalt und die Hausaufgaben unter der Woche vollständig zu erledigen. Nach der BMS möchte ich an der Schweizerischen Hochschule für Landwirtschaft studieren. Dort ist dies glücklicherweise berufsbegleitend möglich, denn ich könnte es finanziell nicht verkraften, während dreier Jahre nur in die Schule zu gehen und kein Geld zu verdienen.

Wenn sich die Lage in meinem Heimatland wieder verbessert hat und meine Kinder selbstständig geworden sind, möchte ich zurück. Für Europäer ist dies vielleicht unvorstellbar, aber auch in Madaskar gibt es eine Milchindustrie. Moritz Vifian


Um sechs Uhr beginnt meine Arbeit in der Emmentaler Schaukäserei in Affoltern

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