Kohlendioxid als Klimaschützer
Kühlmöbel mit dem Kältemittel CO2 sind sparsam, und CO2 ist rund 4000-mal weniger klimaschädlich als herkömmliche Kältemittel. Deshalb schöpfen Supermärkte und Getränkefirmen dieses Öko-Potenzial zunehmend aus.
Um Lebensmittel vor dem Verderb zu schützen, werden sie häufig gekühlt. Allerdings hat die künstliche Kälte ihren Preis – und zwar in doppelter Hinsicht: Zum einen ist der Betrieb von Kühlgeräten sehr energieintensiv. In einer durchschnittlichen Supermarktfiliale entfällt über die Hälfte des Stromverbrauchs auf die Kälteerzeugung. Ein Laufmeter eines Kühlmöbels verbraucht dabei nach Auskunft der Migros beinahe so viel Strom wie ein Einfamilienhaus. Dies wirft Fragen bezüglich Nachhaltigkeit auf, belastet doch der hohe Energieverbrauch nicht nur die wirtschaftliche Bilanz, sondern verstärkt überdies auch den Ausstoss des Treibhausgases CO2.
H-FKW als Klimarisiko
Zum anderen kommen im Kühlkreislauf (verdampfen – kühlen – komprimieren – kondensieren) grosse Mengen von Kältemitteln zum Einsatz. Bei gewerblichen Kühlanlagen sind dies meist Fluorkohlenwasserstoffe (FKW). Anders als die inzwischen verbotenen Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKW) schädigen FKW zwar die Ozonschicht nicht, doch sind sie ein äusserst starkes Treibhausgas. «Entweichen FKW aus dem Kühlkreislauf in die Atmosphäre, ist der Klimaeffekt 3800-mal grösser als bei CO2», erklärt Coop-Mediensprecher Nicolas Schmied. Gefragt sind somit Innovationen, die den Energieverbrauch im Kühlbereich senken und gleichzeitig klimaschonendere Kältemittel verwenden.
Gute Abwärmenutzung
Paradoxerweise kann dank neuester Technologie ausgerechnet das sonst viel geschmähte Treibhausgas CO2 die problematischen FKW ersetzen. Coop sammelt bereits seit 2004 Erfahrungen mit dem neuen Kältemittel; inzwischen hat der Grossverteiler 70 Anlagen für den Minusbereich und 16 Anlagen für den Plusbereich in Betrieb. «Seit diesem Jahr verwenden wir bei Neu- und Umbauten von Verkaufsstellen für die gesamte Kühlung nur noch CO2», erklärt Schmied. Bis in zehn Jahren sollen alle Coop-Filialen auf CO2 umgerüstet sein. Dies reduziere den Strombedarf für Kühlung um rund einen Viertel. Laut Schmied sind CO2-Kühlanlagen den herkömmlichen Geräten auch bezüglich Abwärmenutzung überlegen.
Wartung etwas aufwendiger
In der Coop-Verkaufsstelle in Kerzers konnte der Stromverbrauch durch die Umstellung auf CO2 als Kältemittel um 100 000 Kilowattstunden reduziert werden. Dies entspricht dem Verbrauch von 20 bis 30 Schweizer Haushalten. Allerdings sind CO2-Anlagen in Supermärkten eine relativ neue Technologie. Entsprechend liegen die Stückzahlen der Fertigung noch tief. Dennoch seien die Anschaffungskosten für CO2-Geräte bei Kälteträgeranlagen bereits auf das gleiche Preisniveau wie für FKW-Anlagen gesunken, so Schmied. Bei Direktexpansionsanlagen liege die Anfangsinvestition bei CO2-Anlagen dagegen noch etwas höher. Auch die Wartungskosten seien für CO2-Anlagen zirka zehn Prozent höher als bei herkömmlichen Anlagen, so Schmied: «Diese Mehrkosten werden jedoch durch den tiefen Energieverbrauch mehr als kompensiert.»
Bei Migros-TK Standard
Bei der Migros geht man nach Auskunft von Sprecherin Monika Weibel sogar davon aus, dass die Investitionskosten für Anlagen mit CO2 als Kältemittel inzwischen rund 20 Prozent niedriger liegen als bei Kälteanlagen mit FKW-Kältemitteln. Die Migros setzt das Kältemittel CO2 im Tiefkühlbereich bereits standardmässig ein. Im Bereich der Pluskälte sind schon heute viele Anlagen realisiert und zahlreiche in Planung beziehungsweise im Bau. Anders als bei Coop rechnet man bei der Migros noch nicht mit einer Energieeinsparung. Doch diese werde sich einstellen, ist Monika Weibel überzeugt: «Durch die Betriebserfahrung mit diesen CO2-Anlagen muss noch das Potenzial der Abwärmenutzung verbessert und damit der Energiebedarf reduziert werden.»
Coca-Cola lanciert Austausch
Auch Coca-Cola hat das Ökologiepotenzial des Kältemittels CO2 erkannt und schon 2005 eine entsprechende Zusammenarbeit mit der Umweltorganisation Greenpeace aufgegleist. Ziel ist, gewerblich eingesetzte Kühlgeräte in Supermärkten, Kantinen, Bahnhöfen und Stadien weltweit gegen klimafreundliche Getränkekühler auszuwechseln, die CO2 als Kältemittel verwenden. «In der Schweiz haben wir die Austauschaktion vor allem im Rahmen der Euro 08 in Schwung gebracht. Der Betrieb der neuen Geräte verbraucht bis zu 35 Prozent weniger Strom als herkömmliche Kühlgeräte», sagt Matthias Schneider, Mediensprecher von Coca-Cola Schweiz. Noch kein Thema ist die Verwendung des Kältemittels CO2 hingegen bei Valora. Dazu Sprecherin Stefania Misteli: «Unsere Anlagen sind zu kleinflächig; der Einsatz von CO2 als Kältemittel wird deshalb zurzeit nicht in Betracht gezogen.»
Ob das allerdings das letzte Wort ist, wird sich weisen. Denn die neue Technologie ist kaum aufzuhalten, erklärt Daniel Sommer, Geschäftsführer des Schweizerischen Vereins für Kältetechnik: «Im Lebensmittelbereich gehen wir davon aus, dass sich CO2 als Kältemittel durchsetzen wird.»
Elias Kopf
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